Elf Wochen
zwischen Hoffen und Bangen: Anna ist zurück

Anna
ist wieder daheim in Buchet. Heute darf sie zum ersten Mal wieder in die Schule
− aber nur zu Besuch. (Foto: Jörg Schlegel)
Anna ist sieben Jahre alt und hat gerade eine Knochenmarkspende
erhalten. Es hat sich viel verändert für sie, für ihre Familie. Aber das
Wichtigste ist: Anna hat es überstanden - auch dank ihrer Willensstärke.
Rückschläge hat es gegeben, Lebensgefahrliche. Die Angst
war wochenlang ständiger Begleiter von Julia Menzel. Aber auch die Hoffnung.
Ihre Tochter Anna litt an dem Myelodysplastischen Syndrom, einer sehr seltenen
Art von Knochenmark-Fehlfunktion. Anna hat die teuflische Krankheit besiegt. Am
17. September durfte sie die Klinik verlassen. Nach elf schweren Wochen.
Der 21. Juni wurde zu einem
Wendepunkt im Leben der Familie Menzel: Ein geeigneter Knochenmarkspender war
gefunden. Eine Woche später lag das Mädchen schon in der Kinderstammzellenklinik
in Würzburg. Dort wurde am 3. Juli bei einer Knochenmarkspunktion festgestellt:
es ist höchste Zeit für die Transplantation, die ersten Leukämiezellen sind
schon zu sehen. „Wir hatten Glück, so schnell einen Spender gefunden zu haben,
so dass die Leukämie gar nicht erst ausbrechen konnte“, sagt Julia Menzel, Annas
Mama, jetzt erleichtert. Sie war all die Wochen an der Seite ihrer Tochter. Die
Elterninitiative Würzburg stellte kostenlos eine Wohnung zur Verfügung.

Ein
hellgelber, durchsichtiger Batz

Glücklicherweise hat Anna eine
gute Konstitution. So übersteht sie die Chemotherapie, die am nächsten Tag
beginnt, um die Leukämiezellen zu zerstören, recht gut. Acht Tage lang tropfen
die Medikamente über einen Katheter, einen so genannten Hickman, den die Ärzte
über ihren Hals gesetzt haben, in Annas Blut.
Freitag, der 13. Juli - er soll für die Menzels ein
Glückstag werden. Es ist der Tag, an dem Anna die Stammzellen des Spenders
erhält. An den „hellgelben, durchsichtigen Batz“ erinnert sich das Mädchen, der
über eine 20 Zentimeter lange Spritze in den Hickman eingeführt wird. Es sind
162 000 Stammzellen. Ein bewegender Moment für die Mutter: „Annas Leben war ja
praktisch in dieser Spritze.“
Dann geht es bergab. Anna ist im so
genannten Zelltief: Ihr Immunsystem ist quasi nicht mehr vorhanden, sie ist
extrem anfällig für Bakterien und Viren. Anna wird geplagt von Fieber und
Übelkeit, die Speiseröhre ist wund. Aber sie schläft meist, „ich weiß fast gar
nichts mehr davon“, erzählt sie. Dann, der erste Erfolg: „Die Entwicklung war
traumhaft, keiner konnte glauben, dass es so schnell geht“, sagt die Mutter
überschwänglich. Denn schon nach neun Tagen sind in Annas Blut die ersten
Leukozyten, die wichtigen weißen Blutkörperchen, nachweisbar. Nach ein paar
Tagen sind es schon 16 000 - das überrascht selbst den behandelnden Professor.
Der freudigen Entwicklung folgt der herbe Rückschlag. Am 5. August ist Anna
nicht mehr sie selbst. Sie ist panisch, verweigert die Medikamente. Extreme
Kopfschmerzen und Krampfanfälle quälen sie. Das Kind wird sofort in ein anderes
Krankenhaus auf die Intensivstation verlegt. Die niederschmetternde Diagnose:
schwere Gehirnentzündung. Es besteht die Gefahr, dass die kleine Patientin
bleibende Schäden erleidet. Und wieder hat Anna Glück. Der behandelnde Arzt
trifft „aus dem Bauch heraus“ die richtige Entscheidung, indem er sie gegen
Viren behandelt. Tatsächlich ist ein einfaches Herpesvirus, der bei Annas
geschwächtem Immunsystem leichtes Spiel hat, Auslöser des Dramas. Die Ärzte
machen Julia Menzel wenig Hoffnung, dass das Kind diese Entzündung unbeschadet
übersteht. Und dann, es ist der Dienstag, 7. August, morgens: „Mama, i mog a
Nudelsuppe. Und jetzt fahr ma bald heim, mir geht’s scho vui besser.“ Anna ist
aufgewacht. Sie hat auch diesen Angriff auf ihren Körper überstanden. Allerdings
muss sie nun noch mehr Medikamente nehmen und zusätzlichen Kernspintomografien
und Gedächtnis-Tests über sich ergehen lassen. Und ihr Wunsch, schnell wieder
heim, nach Buchet, zu kommen, lässt sich auch nicht gleich erfüllen. Nun plagt
Anna eine durch ein weiteres Virus verursachte Blasenentzüdnung. Sie muss in der
Klinik bleiben. Erst am 17. September ist es so weit: Anna und Julia Menzel
kommen heim. „In ihrer gewohnten Umgebung erholt sie sich auch viel schneller“,
weiß Annas Mama. Freilich ist das Leben längst noch nicht wieder so, wie es
früher war. Das Immunsystem ist noch schwach. Anna darf nur Gekochtes,
Gebratenes, und Gebackenes essen, muss abgekochtes Besteck verwenden. Rohes
Gemüse oder Obst sind tabu. Wenn Freunde zu Besuch kommen, trägt sie einen
Mundschutz, täglich muss sie Tabletten schlucken - 35 Stück. Und viel trinken
dazu, damit die Nieren richtig durchgespült werden. „Dazu muss ich sie
regelrecht zwingen“, lacht die Mutter. Die Probleme sind kleiner geworden. Am
heutigen Freitag darf Anna zum ersten Mal wieder in die Schule, wenngleich nur
zu Besuch. In den elf Wochen ihrer Behandlung hat Anna den ganzen
Unterrichtsstoff mitgelernt. Freiwillig. Unmengen von Briefen und Bildern hat
sie während des Klinikaufenthalts bekommen. Aber sie wollte nichts von außen
hören und wissen und hat mit fast niemandem von sich aus Kontakt aufgenommen.
„So wollte sie wohl ihre Gedanken an zu Hause verdrängen“, glaubt ihre Mutter.

Überwältigende Hilfsbereitschaft

Aber auch wildfremde Menschen haben Geschenke und Briefe in die
Klinik geschickt. „So viele Menschen, die uns gar nicht kennen, haben an Annas
Schicksal teilgehabt - das ist einfach überwältigend“, sagt Julia Menzel voller
Dankbarkeit. Das Schicksal der kranken Anna hat in der Region eine Welle der
Hilfsbereitschaft ausgelöst. Spendengelder wurden gesammelt, Höhepunkt war die
Typisierungsaktion Mitte Juli in Ruhstorf, an der sich über 1200 Menschen
freiwillig Blut abnehmen und sich in die Deutsche Knochenmarkspenderdatei
aufnehmen ließen. Insgesamt wurden für die DKMS bei diesen Aktionen über 80 000
Euro gesammelt.
Nur so können Menschen gefunden werden, deren Knochenmark
ein Leben rettet - so wie das von Anna. Die Transplantation hat Annas Leben aber
auch grundlegend verändert: Durch die neuen Stammzellen hat sie nun eine neue
Blutgruppe, auch ihr Geschmack ist anders: „Sie isst jetzt Dinge, die sie vorher
nicht gemocht hat und umgekehrt“, sagt ihre Mutter.
Den Spender möchte die Siebenjährige am liebsten sofort
kennen lernen. Doch das ist frühestens in zwei Jahren möglich und auch nur, wenn
der Spender damit einverstanden ist. „Aber einen Brief, in dem ich Danke sage,
habe ich ihm schon geschrieben“, erzählt Anna freudestrahlend.
Julia Menzel möchte ebenfalls gerne dem Spender danken.
Und nicht nur ihm (oder ihr), sondern allen Menschen, die „für Anna gespendet,
ihr Geschenke gebracht oder auch nur an sie gedacht haben“. Julia Menzel ist
überwältigt von der erfahrenen Hilfsbereitschaft, „denn eigentlich kennen uns
hier nicht viele, weil wir erst seit vier Jahren in Ruhstorf wohnen.“
Die Menzels wagen es, an die Zukunft zu denken: Der 21.
Oktober ist Tag 100 nach der Transplantation. Dann muss Anna wieder zur
Knochenmarkspunktion nach Würzburg. Bis dahin geht es zwei bis drei Mal pro
Woche nach Regensburg zur Kontrolle. Mit der Zeit können die Medikamente
reduziert werden, und auch die Untersuchungsabstände werden immer länger. In
einigen Monaten hat Anna ein neues, voll funktionsfähiges Knochenmark - ein
neues Leben. Die Chance, dass die Krankheit, das Myelodysplastische Syndrom, das
durch giftige Stoffe hervorgerufen werden kann, erneut ausbricht, ist dann so
groß, wie bei jedem anderen Menschen auch, hat Julia Menzel in der Klinik
erfahren. Und der Professor meinte auch „Nach einem Jahr könnte sie
Leistungssport betreiben“, erzählt Julia Menzel glücklich. Anna schmiedet schon
Zukunftspläne: „Wenn ich groß bin, will ich Ärztin werden und anderen helfen,
wie sie mir geholfen haben.“ Einen Praktikumsplatz hat sie dabei schon sicher.
Das hat Anna mit Professor Schlegel im Würzburger Klinikum bereits abgesprochen.
Dafür muss sie freilich lernen.
Annas Mutter hofft, dass sie ab Allerheiligen wieder regelmäßig zur Schule gehen
kann. Anna ist sich sicher: „Ich weiß, dass ich nach
Allerheiligen
wieder gehe.“
Henrieta Juhasz
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